Frau mit braunen Haaren in einem karierten Blazer hält einen offenen Dienstausweis hoch und zeigt ihn einer unscharfen Person im Vordergrund vor einer Backsteinwand.

Der Kampf um den Kannibalen: Rechtliche Hintergründe zu Hannibal und Clarice

Ihr kennt bestimmt „Das Schweigen der Lämmer“ und die Serie „Hannibal“, aber kennt ihr auch „Clarice“? Die Serie verfolgt Clarice Starling und die Ereignisse nach „Das Schweigen der Lämmer“. Wenn ihr die Serie kennt, wird euch aufgefallen sein, dass Hannibal Lector überhaupt nicht vorkommt. Das hat den Grund, dass die Rechtslage kompliziert ist. Die Rechtslage möchte ich euch einmal erklären.

Der Kampf um den Kannibalen

Die rechtliche Spaltung des Franchise begann in den 1980ern. Dino und Martha De Laurentiis erwarben die Rechte an Hannibal Lecter aus „Red Dragon“ (1981). Nach dem Flop von „Manhunter“ (1986) überließ ein enttäuschter De Laurentiis die Lecter-Rechte für „Das Schweigen der Lämmer“ (1988) kostenlos an Orion Pictures. Orion realisierte das Projekt mit Jonathan Demme, nachdem Gene Hackman als Regisseur und Darsteller ausgestiegen war.

Der Film von 1991 wurde ein Welterfolg und gewann fünf Oscars. Daraufhin sicherte sich De Laurentiis für 10 Millionen US-Dollar die Rechte an „Hannibal“ (1999). Ridley Scott übernahm die Regie erst, nachdem er das Manuskript gelesen hatte. Für das Prequel „Hannibal Rising“ (2007) zwang De Laurentiis den Autor Thomas Harris zur Mitarbeit. Da die Charaktere aus „Das Schweigen der Lämmer“ jedoch bei Orion/MGM verblieben, trennten sich die Lizenzen strikt nach dem literarischen Erstauftritt der Figuren.

Im Roman „Red Dragon“ aus dem Jahr 1981, dessen Rechte primär bei der Dino De Laurentiis Company und Amazon MGM liegen, wurden zentrale Charaktere wie Hannibal Lecter, Will Graham, Jack Crawford und Francis Dolarhyde eingeführt. Das Werk „Das Schweigen der Lämmer“ folgte 1988. Die Rechte hierfür hielten MGM bzw. die Amazon MGM Studios. In diesem Projekt traten erstmals Clarice Starling, Jame Gumb (Buffalo Bill), Paul Krendler, Barney Matthews, Benjamin Raspail und Ardelia Mapp in Erscheinung.

Im 1999 veröffentlichten Roman „Hannibal“, bei dem eine Rechte-Reversion an Thomas Harris im Gange ist, wurden Mason Verger, Margot Verger und Cordell Doemling als relevante Charaktere etabliert. Schließlich wurde 2006 „Hannibal Rising“ veröffentlicht. Auch hier befinden sich die Rechte im Prozess der Rückgabe an Thomas Harris. Das Werk führte die Figuren Chiyoh und Lady Murasaki ein.

Ein Mann in weißem Hemd und Schürze steht in einer dunklen, modernen Küche und brät in einer Pfanne, aus der hohe Flammen schlagen, während er eine Flasche in der anderen Hand hält.
© NBC

Hannibal

Die von Bryan Fuller entwickelte Serie „Hannibal“ (2013–2015) basierte rechtlich auf Lizenzen der Dino De Laurentiis Company, was den Zugriff auf Figuren aus „Red Dragon“, „Hannibal“ und „Hannibal Rising“ ermöglichte. Die Nutzung von exklusiven Inhalten aus „Das Schweigen der Lämmer“ war jedoch untersagt, da MGM eine Kooperation verweigerte.

Dies zwang Fuller, seinen ursprünglichen Sieben-Staffel-Plan zu verwerfen und die dritte Staffel durch die Verschmelzung mehrerer Romanvorlagen stark zu verdichten. Um rechtliche Sperren zu umgehen, etablierten die Autoren kreative Substitutionen. Kade Prurnell ersetzte Paul Krendler; ihr Name ist ein Anagramm des gesperrten Charakters. Franklyn Froideveaux fungierte als Ersatz für Benjamin Raspail, wobei sein Name intertextuelle Anspielungen auf Benjamin Franklin und den Boulevard Raspail enthält. 

Tobias Budge diente als Entsprechung für Jame Gumb. Matthew Brown trat an die Stelle von Barney Matthews, wobei er als mörderischer Kontrast zur Vorlage gezeichnet wurde. Miriam Lass übernahm die strukturelle Rolle der Clarice Starling. Diese Modifikationen führten dazu, dass Starlings psychologische Dynamik auf Will Graham übertragen wurde. Dies begründete die zentrale „Murder Husbands“-Beziehung, die der Serie ihre prägende queere Gothic-Ästhetik verlieh.

Eine Frau mit langen, dunklen Haaren und einer dunklen Jacke mit einem gelben „E“ darauf blickt durch ein Fenster mit einem dunklen Rahmen, im Hintergrund sind undeutlich helle Kleidungsstücke zu erkennen.
© CBS

Clarice

Die 2021 auf CBS erschienene Serie Clarice, produziert von MGM und Secret Hideout, setzt 1993 unmittelbar nach den Ereignissen von „Das Schweigen der Lämmer“ an. Aufgrund der Lizenzlage besaß die Produktion lediglich Rechte an Figuren, die in diesem Werk debütierten, wie Clarice Starling, Ardelia Mapp und Paul Krendler. Dies führte zu einer strikten Isolation von Charakteren aus „Red Dragon“. Hannibal Lecter durfte weder gezeigt noch namentlich erwähnt werden. Auch Mentoren wie Jack Crawford oder Will Graham waren trotz ihrer Relevanz für die Handlung gesperrt, da ihr Ursprung in „Red Dragon“ lag.

Ohne Lecter als zentralen Auslöser ihrer Traumata musste die Serie Starlings psychologische Entwicklung vage halten und wich in ein konventionelles Krimi-Format aus. Statt psychologischer Duelle stand eine Verschwörung um Pharmastudien im Fokus, was den gotischen Charakter des Franchise schwächte. Zudem gab es Kontinuitätsbrüche zum Film von 1991, etwa bei der Darstellung von Clarices Vater als Nachtwächter. Ohne das Gegengewicht Lecters verlor die Figur ihre Tiefe, was zu schwachen Quoten und der Absetzung nach einer Staffel führte.

Unterschiede zwischen Hannibal und Clarice

Die Serien „Hannibal“ (NBC, 2013–2015) und „Clarice“ (CBS, 2021) weisen aufgrund ihrer unterschiedlichen Lizenzierung signifikante Unterschiede auf. Während „Hannibal“ auf den Lizenzen der De Laurentiis Company basiert, die Werke wie „Red Dragon“, „Hannibal“ und „Hannibal Rising“ umfassen, stützt sich „Clarice“ auf die Lizenzen von MGM für „Das Schweigen der Lämmer“. Diese rechtliche Basis bestimmt maßgeblich die Besetzung: In „Hannibal“ stehen Hannibal Lecter, Will Graham, Jack Crawford und Bedelia Du Maurier im Zentrum, während Clarice Starling, Paul Krendler, Ardelia Mapp und Catherine Martin für die Serie „Clarice“ prägend sind.

Entsprechend sind bestimmte Figuren für die jeweils andere Produktion gesperrt. In „Hannibal“ durften Clarice Starling, Buffalo Bill, Barney Matthews und Paul Krendler nicht verwendet werden. Im Gegensatz dazu waren für „Clarice“ zentrale Figuren wie Hannibal Lecter, Will Graham, Jack Crawford und Mason Verger nicht zugänglich. Auch in der narrativen Ausrichtung unterscheiden sich die Produktionen deutlich: „Hannibal“ präsentiert sich als psychologisches Melodram und Gothic Horror mit surrealistischen Traumsequenzen, wohingegen „Clarice“ als Verschwörungsthriller und prozedurales Drama mit einem realistischen Trauma-Porträt angelegt ist. Im Umgang mit diesen Restriktionen setzte „Hannibal“ systematisch auf Chiffren, Substitutionen und Anagramme, während „Clarice“ Hannibal Lecter vollständig ignorierte und einer namentlichen Tabuisierung unterzog.

Aktuelle Rechtslage

Das Hannibal-Lecter-Franchise befindet sich im rechtlichen Wandel. Nach Martha De Laurentiis‘ Tod 2021 erschwerten neue Eigentümerstrukturen Verhandlungen. Laut Bryan Fuller fallen viele Charakterrechte an Thomas Harris zurück, während das zu Amazon gehörende MGM die Lizenzen für „Das Schweigen der Lämmer“ behält. Diese Bündelung unter Harris und Amazon MGM eröffnet neue Strategien. Fuller strebt eine limitierte Serie zu „Das Schweigen der Lämmer“ mit Mads Mikkelsen und Zendaya an, was die Produktion vereinfachen könnte.

Bei einer Adaption durch Amazon MGM müsste Gaumont International Television nicht beteiligt werden. Da schauspielerische Darbietungen nicht urheberrechtlich geschützt sind, könnte Mikkelsen seine Rolle rechtlich unbedenklich unter neuem Studio fortführen. Dies ließe die Macher an den Erfolg der NBC-Serie anknüpfen, ohne an Gaumont-Verträge gebunden zu sein.

Fazit und Zukunft

Die Aufspaltung der Filmrechte an Thomas Harris’ Werken gilt als exemplarisches Beispiel für die Fragmentierung von geistigem Eigentum im modernen Entertainment-Sektor. Durch die starre Koppelung der Lizenzen an das erste literarische Erscheinen einzelner Figuren wurden künstliche Hindernisse geschaffen, welche die kreative Freiheit sowie die ökonomische Nutzung des Franchise über Jahrzehnte hinweg einschränkten.

Hierbei zeigten sich deutliche Unterschiede in der Bewältigung dieser Barrieren: Während die Serie „Hannibal“ (NBC) durch geschickte Substitutionen und Neuinterpretationen einen künstlerischen Erfolg erzielte, offenbarte „Clarice“ (CBS) die erzählerischen Defizite eines Spin-offs, das rechtlich vom komplementären Gegenpart isoliert bleibt. Mit der aktuellen Konsolidierung der Rechte bei Thomas Harris und den Amazon MGM Studios ergibt sich nun die Chance, diese Blockade endgültig zu beenden. Der künftige Erfolg wird maßgeblich davon abhängen, die Welten von Clarice Starling und Hannibal Lecter auf einer gemeinsamen Plattform wieder zu vereinen. Nur so lässt sich das psychologische Spannungsfeld reaktivieren, welches das Universum ursprünglich zu Weltruhm führte.

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